Prof. Dr. Werner Mendling

Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Wuppertal.

„Viele Frauen bezeichnen ihre Vulva als *Scheide*, und wenn das Brennen an der Vulva auftritt, handelt es sich fast nie um eine Pilzerkrankung.“

Dieses Interview wurde im Januar 2025 geführt.

WIE SIND SIE AUF VULVODYNIE AUFMERKSAM GEWORDEN?

Bis 1995 war ich Frauenarzt in Wuppertal, wo ich erste Patientinnen mit Beschwerden von Vulvodynie hatte. Da wusste ich noch gar nicht, was wohl Vulvodynie ist und kannte das Wort auch nicht. Eine frühere Patientin bestätigte mir später, dass mein damaliges Gefühl, sie müsse etwas in ihrem Leben ändern, richtig war. Das Wort Vulvodynie hat es in Deutschland zu der Zeit überhaupt nicht gegeben. 

In meiner damaligen Sprechstunde 2000 als Chefarzt in Berlin kamen gezielt Patientinnen zu mir, die angeblich wiederkehrende Pilzinfektionen hatten. Ich merkte schnell, dass ihre Beschwerden eine andere Ursache haben müssen. In dieser Zeit habe ich systematisch Literatur über Vulvodynie gesucht. Daraufhin habe ich in der Sprechstunde die ersten Vulvodynie-Patienten bewusst erlebt und Daten gesammelt. Im Jahr 2006 widmete ich in meinem damals geschriebenen Lehrbuch über gynäkologische Infektionen erstmals ein kleines Kapitel von zwei Seiten der Vulvodynie. Das hieß damals noch Burning Vulva Syndrom.

Man wusste nichts darüber und es war alles diffus. Zwei Jahre später schrieb ich mehr dazu, da ich bereits umfangreiche Literatur gesammelt hatte. Heute würde ich es jedoch anders formulieren, da mittlerweile viel neues Wissen hinzugekommen ist. So wuchs auch in mir systematisch das Interesse, mich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen.

Dr. Ehmer, war Pionierin auf dem Thema. Sie litt selbst an Vulvodynie und veröffentlichte damals das Buch „Probleme im Intimbereich…Damit müssen Sie nicht leben!“, in dem sie ihre eigene Erfahrung für ihre Forschung nutzte. Das Buch, mittlerweile in der fünften Auflage, trug dazu bei, Vulvodynie bekannter zu machen. Heute ist es zunehmend populär, dass Frauen über ihre Vulva sprechen. Viele, die das Buch lasen, suchten später meine Sprechstunde auf, da ihre Ärzte die Krankheit nicht erkannt hatten.

Ab 2010 hatte ich ein klares Verständnis davon, was Vulvodynie ist, und begann, regelmäßig darüber zu schreiben. Mein letzter Artikel, der auch meinen Abschluss mit dem Schreiben markiert, entstand vor ein bis zwei Monaten in Zusammenarbeit mit den renommierten Psychosomatikern Professor Richter und Frau Dr. Wetzel-Richter.

Im deutschsprachigen Raum ist die Vulvodynie, das darf ich mal so selbstbewusst sagen, durch meine Arbeit bekannt geworden. International, insbesondere in den USA, war das Thema allerdings schon lange etabliert. Weltweit betrachtet ist die Anzahl der Expert*innen jedoch gering, in jedem Land nur eine Handvoll, was nicht ausreicht, um betroffene Frauen angemessen zu versorgen. Meine Sprechstunde ist überlaufen, und ich kann den Bedarf nicht mehr abdecken. Mit sieben bis acht Monaten Wartezeit auf einen Termin ist dass eine unzumutbare Situation für Frauen, die durch Vulvodynie so stark leiden.

Es müssten viel mehr Leute aus Deutschland kommen und mit Interesse sagen „Ich kümmere mich da drum.“ Die Versorgung von Frauen mit Vulvodynie wäre auch wirtschaftlich tragbar, wenn man bereit ist, sich mit Hingabe diesem Thema zu widmen. Viele sagen, mehr als eine Viertelstunde pro Patientin gebe es in der Sprechstunde nicht. Aber wenn man sich einer Frau mit Aufmerksamkeit und Verständnis widmet, ist es nicht nur erfüllend, sondern auch machbar, davon zu leben, wenn man sich darauf spezialisiert.

Aus diesem Grund habe ich diesen neuen großen Artikel geschrieben, um mein Wissen und meine Erfahrungen noch einmal festzuhalten und weiterzugeben. Wer diese Informationen aufgreift und umsetzt, ist eine andere Frage. Aber ich kann für mich sagen, dass ich alles gesagt und weitergegeben habe, was ich konnte, und das gibt mir ein reines Gewissen.

WARUM WEIß MAN SOWENIG ÜBER VULVODYNIE?

Vor etwa 15 Jahren fasste ich zusammen: Das Internet verzeichnete rund 700.000 Klicks von Laien auf Begriffe wie *Vulvodynie* oder *Burning-Vulva-Syndrom*, aber nur etwa 600 wissenschaftliche Publikationen dazu, die meisten aus dem Ausland. In Deutschland, meine ich, gab es lediglich fünf Arbeiten.  

Diese geringe wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema liegt auch an strukturellen Problemen im medizinischen System: Weiterbildung für Gynäkolog*innen erfolgt häufig in Kliniken, die auf operative Eingriffe fokussiert sind, nicht auf Themen wie Vulvodynie.

Zudem gibt es finanzielle Hürden und Wissenslücken: Wenn eine Patientin mit Symptomen wie Brennen in die Notaufnahme kommt, begegnet ihr oft eine Ärztin, die noch nie von Vulvodynie gehört hat. Das Wissen bleibt oberflächlich, da der Alltag andere Herausforderungen als Priorität hat. Ambulante Ärzte sind die erste Anlaufstelle, doch viele Patientinnen haben aufgrund von vorab durchgeführter Selbstmedikation (z. B. gegen Pilzinfektionen) bereits eine erschwerte Diagnostik. Dies wird durch das unzureichende Wissen vieler Gynäkolog*innen über Vulvodynie noch verschärft.

Dabei ist es mit den richtigen Fragen eigentlich ziemlich einfach, eine Pilzinfektion auszuschließen. Es gibt zwei bis drei Schlüsselfragen. Wenn also eine Frau zum Gynäkologen kommt und sagt: „Ich habe zum dritten Mal eine Pilzinfektion, die geht nicht weg, es brennt so an der Scheide“, und der behandelnde Gynäkologe stellt nicht die essenziellen Nachfragen, dann ist die ganze Sache verloren.

Die entscheidende Frage lautet: „Sie sagen, Sie haben ein Brennen an der Scheide? Wo genau spüren Sie das? Können Sie die Stelle zeigen oder aufzeichnen?“ Viele Frauen bezeichnen ihre Vulva als „Scheide“, und wenn das Brennen an der Vulva auftritt, handelt es sich fast nie um eine Pilzerkrankung. Vielmehr ist es oft Jucken an der Vulva oder im Vestibulum (Vorzimmer), was auf eine Pilzinfektion hindeutet.

Die Vulva ist ein großer Bereich, und vielen Frauen ist das nicht wirklich bewusst. Wenn dann nachgefragt wird, wo genau die Schmerzen auftreten, sollte der Arzt in der Lage sein zu erkennen, dass es sich nicht um eine Pilzinfektion handelt. Diese entscheidenden Einstiegsfragen werden in den meisten Praxen jedoch nicht ausreichend gestellt. Deshalb habe ich in meinen Artikeln besonders auf die Bedeutung einer gründlichen Anamnese hingewiesen, um eine genaue Diagnose zu ermöglichen.

Lies das ganze Interview hier: