Helen Sange
Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit der Zusatzbezeichnung Sexualmedizin
„Mehr *Spa* für die Vulva!“
Dieses Interview wurde im Dezember 2025 geführt.
WIE SIND SIE AUF VULVODYNIE AUFMERKSAM GEWORDEN?
Vulvodynie ist mir erst richtig bewusst in der Sexualmedizin begegnet. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits sechs Jahre in der Gynäkologie gearbeitet. Aber so richtig hat niemand das Wort „Vulvodynie” bei persistierenden Vulvabeschwerden in den Mund genommen. Selten haben wir in der Klinik etwas gesehen, dass nicht operativ behandelt wird. Das änderte sich erst in der Sexualmedizin.
Ich habe 2017 eine Weiterbildung zur Sexualmedizinerin begonnen. Das ist eine zweijährige Weiterbildung, mit der Fachärzte sowohl aus somatischen als auch aus psychologischen Fachrichtungen eine Zusatzbezeichnung erwerben können. Ich habe damals eine Patientin mit Vaginismus begleitet, der sekundär auf einer Vulvodynie beruhte. Im Laufe der Zeit habe ich mehrere Patient*Innen mit Vulvodynie und Vaginismus gesehen. In meiner jetzigen Praxistätigkeit habe ich ein viel größeres Bewusstsein dafür. Dies liegt einerseits an der Weiterbildung, andererseits an meiner langjährigen Tätigkeit.
WARUM WEIß MAN SO WENIG ÜBER VULVODYNIE?
In Fachbüchern werden Vaginismus und Vulvodynie nur kurz beschrieben. So war es zumindest in meinem Fachbuch damals, da war es nur ein ganz kleiner Passus. Des weiteren ist es ein Thema, das weder in den Kliniken noch in den Praxen bewusst bearbeitet wird.
Im Rahmen der gynäkologischen Weiterbildung gibt es für jedes Krankheitsbild systematische Behandlungspläne – von Endometriose bis Brustkrebs und es gibt sogar interdisziplinäre Konferenzen. Für die Vulvodynie nicht, häufig werden nur Infektionen und Dysplasien bedacht. Dafür wird man ausgebildet, aber nicht, um zu sagen: „Moment mal, hier stimmt doch irgendetwas nicht. Die Patientin bzw. die Person mit Vulva hat schon so viele Behandlungen hinter sich, da muss eine andere Diagnose dahinterstecken.“
Das liegt aber auch daran, dass die Klinik weniger wiederholte Patientenkontakte hat. Natürlich gibt es einige Personen, die immer wieder in die Rettungsstelle kommen, aber es gibt selten wiederkehrende Patient*innen. Das ist eher im ambulanten Bereich der Fall. Oder die Patient*Innen fühlen sich nicht gesehen, verstanden oder gut therapiert und wechseln durch Ärztehopping die Praxis.
Lies das ganze Interview hier: