Katrin Franke

Physiotherapeutin in Köln

„Der Muskel gerät in eine Art Ischämie, verspannt sich zunehmend, und es entstehen Triggerpunkte. Diese können wiederum brennende, stechende oder juckende Schmerzen auslösen und verstärken.“

Dieses Interview wurde im April 2025 geführt.

WIE SIND SIE AUF VULVODYNIE AUFMERKSAM GEWORDEN?

Durch meine Praxis. Insbesondere, seit ich mich ab 2012 intensiv mit dem Beckenschmerzsyndrom beschäftige. In diesem Zusammenhang kamen zunehmend Frauen mit der Diagnose Vulvodynie in meine Praxis, wodurch sich mein Fokus ganz natürlich erweiterte.

Ein Schlüsselmoment war ein Online-Vortrag über das Chronische Beckensyndrom, den ich gemeinsam mit meinem ärztlichen Kollegen Dr. Stolzenbach gehalten habe. Darüber entstand der Kontakt zu Professor Mendling, mit dem ich seither in engem Austausch stehe. Besonders in der Zeit der Corona-Pandemie, als viele Veranstaltungen ins Digitale verlagert wurden, hatte ich die Möglichkeit, mich intensiver mit dem Thema Vulvodynie auseinanderzusetzen.

Da Vulvodynie ebenfalls als Beckenschmerzsyndrom eingeordnet wird, ließ sich das Thema gut in meine bestehende Arbeit integrieren. Ich habe auch gezielt das Gespräch mit Ärzt*innen gesucht und so über die Jahre hinweg immer mehr Patientinnen mit Vulvodynie in meiner Praxis begleitet.

LERNT MAN ÜBER VULVODYNIE IN DER AUSBILDUNG?

Nein, überhaupt nicht. Das Thema ist viel zu komplex. Selbst wenn Kolleginnen sich in diesem Bereich weiterbilden, geht es dabei meist um funktionelle Beschwerden, etwa Inkontinenz, Therapien nach der Geburt, Senkungen oder Störungen der Blasen- und des Darms. Schmerzsyndrome hingegen sind ein ganz eigenes Feld. Langsam beginnt sich das zu ändern. In der Physio Pelvica -Ausbildung, die vor allem in Deutschland angeboten wird, findet das Thema allmählich mehr Beachtung.

Einige Kolleginnen beginnen, diese Aspekte stärker in ihre Arbeit zu integrieren, aber es ist und bleibt ein sehr komplexes Thema.

Ich selbst habe zusätzliche Fortbildungen gemacht, unter anderem im Bereich der Schmerzphysiotherapie bei der Deutschen Schmerzgesellschaft. Für mich war das wichtig, um das Thema besser zu verstehen und um meine Patientinnen erklären zu können, was bei ihnen eigentlich passiert.

Visualisierung der Beckenbodenmuskulatur um die Vulva. Beim ausatmen zieht sich der Muskel zusammen und beim einatmen weitet er sich.

WAS DENKEN SIE KÖNNTEN MÖGLICHE AUSLÖSER AUS SICHT DER PHYSIOTHERAPIE SEIN?

Grundsätzlich ist es egal, ob Vulvodynie oder andere Schmerzsyndrome, der Körper ist ein Meister der Kompensation. Er kann Dysfunktionen oft sehr lange ausgleichen, ohne dass Beschwerden auftreten. Doch irgendwann ist dieser Kompensationsmechanismus erschöpft, und es kommt zur Dekompensation. Dann treten die Symptome auf, wie zum Beispiel bei der Vulvodynie.

URSACHEN

Bei der Vulvodynie liegt auf jeden Fall eine periphere Sensibilisierung vor, das bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass unterschwellige Reize, wie eine leichte Berührung oder die festen Nähte einer Jeans, schon als Schmerz oder Missempfindung wahrgenommen werden. Eine anhaltende vermehrte Spannung der Beckenbodenmuskulatur kann entweder Auslöser oder Folge davon sein. Diese führt zu einer schlechteren Versorgung und Durchblutung der Muskulatur. Der Muskel gerät in eine Art Ischämie, verspannt sich zunehmend, und es können Triggerpunkte entstehen. Diese können wiederum brennende, stechende oder juckende Schmerzen auslösen und verstärken. So baut sich der Schmerzprozess allmählich auf und verstärkt sich.

Eine Vulvodynie kann viele Ursachen haben, manchmal reicht bereits eine schlechte oder überfordernde Erfahrung beim Geschlechtsverkehr mit einem Partner. Wenn eine Frau in einer solchen Situation das Gefühl hat, dass etwas mit ihr geschieht, worauf sie keinen Einfluss hat, kann dies zu einem Gefühl von Ohnmacht führen. In solchen Fällen entwickeln sich nicht selten posttraumatische Belastungsstörungen.

Aber auch frühkindliche Ängste oder Bindungserfahrungen können eine Rolle spielen, etwa wenn es Probleme mit Urvertrauen oder Bindungssicherheit gibt.

Ebenso kann ein physisches Erlebnis in der Kindheit, wie etwa ein Sturz beim Fahrradfahren mit Aufprall mit dem Schambein auf die Stange, der zu Schmerzen im Bereich der Symphyse oder des Beckens führt, langfristige Folgen haben. In solchen Fällen reagieren Kinder häufig mit einem „Zumachen“ im Beckenbereich, was sich später in Form von Spannung oder Dysfunktionen äußern kann.

Solche frühen Verspannungen können bei Kindern unter anderem zu Inkontinenz oder Stuhlentleerungsstörungen führen, Symptome, die häufig unterschätzt werden, aber im Zusammenhang mit einer später auftretenden Vulvodynie stehen können. Ich denke, es gibt viele solcher körperlichen und emotionalen Ereignisse, die im Zusammenspiel zur Entwicklung einer Vulvodynie beitragen können.

 

UMGANG

Wir müssen als Therapeutinnen oder auch als Betroffene nicht zwangsläufig die genaue Ursache wissen oder unsere gesamte Vergangenheit aufarbeiten, um mit der Vulvodynie besser umgehen zu können. Viel wichtiger ist es, achtsam zu beobachten, was die Beschwerden auslöst, was sie verstärkt und ebenso, was zu einer Linderung führt.

Wenn wir erkennen, dass bestimmte Situationen Symptome verstärken oder sogar auslösen, dann lohnt es sich, dort genauer hinzusehen: Was an dieser Situation war belastend? Warum hat mein Körper genau da reagiert? Und wie kann ich beim nächsten Mal anders mit dieser Situation umgehen? Nicht jede Belastung lässt sich vermeiden, aber wir können lernen, mit ihr bewusster und selbstsicherer umzugehen.

Dabei ist es zentral, zu verstehen: Der Körper reagiert nicht willkürlich. Schmerzen sind oft ein Schutzmechanismus. In meiner Sichtweise spricht hier das „innere Kind“ in uns, der Teil, der früh gelernt hat, Gefahr zu erkennen und mit Rückzug oder Anspannung zu reagieren. Wenn wir Schmerzen bekommen, ist das manchmal wie ein Warnruf dieses inneren Anteils: „Achtung, das ist gefährlich, schütze dich!“

Unsere Aufgabe ist es nun, dieses innere Kind liebevoll an die Hand zu nehmen. Ihm zu signalisieren: „Alles ist in Ordnung. Ich bin jetzt erwachsen, ich kümmere mich. Du darfst dich entspannen. Du musst mich nicht mehr beschützen.“ Genau darin sehe ich einen wesentlichen Ansatzpunkt, nicht nur in der Therapie, sondern auch im persönlichen Umgang mit chronischen Schmerzen.

Lies das ganze Interview hier: